Immer glücklich
Immer glücklich

Immer glücklich

Müssen wir immer glücklich und zufrieden sein? Sind wir gleich schwer depressiv und krank, wenn wir uns mal traurig fühlen? 

In den letzten Tagen war ich häufig müde und antriebslos. Der Corona Lockdown drückt auf die Stimmung. Dazu das graue Wetter. Sport bei der Kälte macht nicht wirklich Spaß. Die Wäscheberge türmen sich im Keller, die Kochideen gehen mir aus, Homeschooling geht mir auf die Nerven und mit meinem Roman geht es nur schleppend voran.

Wenn mich jemand fragt, wie geht es Dir, würde ich am liebsten sagen, schlecht. Aber gehört sich das. Ist es nicht längst zur Selbstverständlichkeit geworden mit einem „Danke, gut“ zu antworten, egal wie es tatsächlich um das eigene Seelenempfinden steht? Wäre es nicht ein Zeichen von Schwäche seinen negativen Gefühlen freien Lauf zu lassen? Bröckelt die perfekte Fassade?

Wäre „schlecht“ nicht anmaßend beim Blick auf das Elend in der Welt? Wir haben ein schönes Zuhause, genügend zu essen, sind gesund, nicht von Arbeitslosigkeit bedroht. Im Verhältnis zum Großteil der Weltbevölkerung leben wir im Paradies. Mein tägliches Mandra sollte sein „ich bin dankbar“. Das strahle ich aber gerade nicht aus. In mir scheint nicht die Sonne, sondern mein Gefühlsleben hat sich dem grau des Himmels angepasst. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben? Bin ich undiszipliniert, weil ich mich meinen negativen Gefühlen hingebe. Ist es erlaubt, sich subjektiv unglücklich zu fühlen? Im Vergleich zu vielen anderen Menschen ist in meinem Leben, kein objektives Unglück zu erkennen. Höchstens eine minimale Überlastung.

Braucht die Seele vom Glücksgefühl nicht auch mal eine Pause, um wieder Dankbarkeit und Freude zu empfinden? Ist es nicht ein gesunder Prozess, um dem Körper etwas Ruhe zu gönnen? 

In depressiven Phasen schaffen wir es selten, unsere viel zu vollbepackten To-Do-Listen abzuarbeiten. Uns zieht es eher auf die Couch oder ins Bett. Wir legen ungewollt eine Zwangspause ein. Im Gegensatz zu einer Erkältung oder Grippe plagt uns das schlechte Gewissen, denn eigentlich sind wir ja nicht wirklich krank. Eine Abwärtsspirale in ein absolutes Stimmungstief.

Warum haben wir Angst vorm gelegentlichen Unglücklichsein? Warum verurteilen wir uns für die Gefühle oder werden von unserer Umgebung dafür verurteilt? In der Natur ist es ganz normal, dass sich Sonne und dunkle Wolken abwechseln, dass es schöne und weniger schöne Tage gibt. 

Warum nehmen wir diesen natürlichen Prozess nicht an? Gestehen uns depressive Gefühle zu. Kämpfen nicht gegen sie an und genießen die kurzfristige Auszeit, um neue Kraft fürs Glücklichsein zu schöpfen. Glücksgefühle brauchen Energie und nicht jedes Gefühl von Traurigkeit ist gleich Anzeichen einer Depression.

Ich erlaube mir ein paar Tage Stimmungstief, das bedeutet nicht, dass ich meine Umgebung mit Gejammer nerve. Ich mache langsamer, erwarte weniger von mir und gönne mir ein paar Auszeiten. Ich freue mich, auf den nächsten Sonnenschein, draußen und in meinem Herzen.

Wie geht es Dir? Hast Du das Gefühl, immer glücklich sein zu müssen, oder kannst Du depressive Gefühle annehmen und wertschätzen?