Immer glücklich

Immer glücklich

Geht es Dir auch so, in sämtlichen sozialen Netzwerken springen Dir die Coachingangebote entgegen, die Dir das Gefühl geben, dass Dein gesamtes Leben einen dringenden Optimierungsbedarf hat? Wenn Du so weiter lebst, endest Du in absehbarer Zeit im absoluten Chaos. Glaubst Du den Versprechungen der Coaches, ist es ganz einfach, auf allen Ebenen Deines Lebens Bestnoten zu erzielen. Mit ein bisschen Disziplin und dem richtigen Coachingprogramm kinderleicht. Wie erstellst Du den perfekten Plan, der Haushalt, Job, Ehe, Kindererziehung und Gesundheit in harmonischen Einklang bringt?

Mein ironisch perfekter Plan

Ich stehe morgens um 6 Uhr auf, schreibe mein Reflexionstagebuch, meditiere, danach geht es für 30 Minuten auf die Yogamatte. Schnell ins Badezimmer hüpfen, eine Trockenbürstung für den gesunden Lymphfluss durchführen, duschen und einen Hauch von veganem Make-Up auftragen. Frisch und fröhlich den Kindern ein gesundes Frühstück und mir einen Smoothie zubereiten. Anschließend verschaffe ich mir mit meiner To-do-Liste einen strukturierten Überblick über den Tag. Das Homeschooling habe ich am Abend vorher mit den Kindern vorbereitet und alle benötigten Unterlagen ausgedruckt. Mein Homeoffice-Arbeitsplatz ist ebenfalls für einen entspannten Arbeitstag eingerichtet und verfügt über ein inspirierendes Ambiente gemäß den Empfehlungen der Raumexpertin. Dass die Lehrer meiner Kinder, meine Kollegen und Kunden weniger strukturiert und vorbereitet sind, bringt mich dank meiner regelmäßigen Atempausen nicht mehr aus der Ruhe. Mit Geduld drucke ich meinen Kindern Unterlagen aus, erkläre nicht verstandene Aufgaben und schreibe gleichzeitig verständnisvolle E-Mails an nörgelende Kunden und Kollegen. Das Mittagessen ist mit der App „Gesund gekocht in 30 Minuten“ ein Kinderspiel. Sonntagabend habe ich bereits vor dem Tatort den Essensplan für die gesamte nächste Woche erstellt. Dank meiner perfekten Planung ist unsere Vorratskammer intelligent gefüllt und ich bestelle nur zwei Mal wöchentlich die Frischwaren beim Rewe-Lieferservice. Nach dem Mittagessen arbeite ich ein paar Kundenanfragen ab. Statt eines Latte macchiatos trinke ich eine goldene Milch, auf ein leckeres Stück Kuchen verzichte ich. Ich versaue mir doch nicht meine Fortschritte bei der „zuckerfrei, glutenfrei, milchfrei“ Challenge.

Die Kinder erledigen friedlich ihre Hausaufgaben und räumen ihre Zimmer auf. Das klappt mittlerweile wunderbar, seitdem ich den Workshop „Familienstrukturen, die Sicherheit geben“ besucht habe. Im Anschluss an den Workshop habe ich mit den Kindern nach Anleitung der Kursleiterin bunte Aufräumpläne gebastelt, die sie mit Begeisterung umsetzen. Um 15.30h verlasse ich meinen aufgeräumten Homeoffice-Arbeitsplatz. Selbstverständlich habe ich die Prioritätenliste für den morgigen Tag bereits erstellt und meine E-Mails sortiert. Jetzt ab in die Natur. Mein Schrittzähler zeigt mir für den heutigen Tag erst 1.500 Schritte an. Die Kinder brauchen ebenfalls dringend frische Luft nach einem ganzen Tag im Homeschooling. Dank des „Waldpädagogikprogramms“ schaffe ich es, meine Teenager mit spannenden Naturaufgaben zu einem ausgiebigen Waldspaziergang zu begeistern. Vorher werfe ich eine Waschmaschine an. Gemäß meinem neuen Haushaltsplan steht heute eine 30 Grad Wäsche auf dem Programm. Die Wäsche steht schon in den entsprechenden Körben vorsortiert in der Waschküche. Alle Familienmitglieder helfen mit, wie es im E-Book „Wie du erfolgreich deine Familie in die Hausarbeit einbeziehst“ empfohlen wurde. Nur unser Hamster will nicht die Hamstertoilette benutzen und macht weiter überall in seinen Käfig. Ich bin sicher, dazu finde ich einen Ratgeber und in absehbarer Zeit ist dies kein Problem mehr.

Nach unserem Spaziergang signalisiert mir das Vibrieren meiner Smartwatch, dass ich die geforderten 10.000 Schritte erreicht habe. Vor dem Abendessen kontrolliere ich die Hausaufgaben und plane mit den Kindern den nächsten Tag. Wir decken gemeinsam den Abendessenstisch, essen selbstgebackenes, glutenfreies Brot, Gemüse mit Dip und einen leckeren Salat. Nach dem Abendessen spielen wir ein Gesellschaftsspiel und die Kinder gehen entspannt ins Bett. Jetzt haben mein Mann und ich Zeit für uns. Wir führen ein intensives Gespräch über unsere Bedürfnisse und wie wir uns noch besser unterstützen können. Genauso wie wir es im Onlineworkshop „Kommunikation in einer glücklichen Ehe“ gelernt haben. Nach den Nachrichten sagen wir den Kindern „Gute Nacht“, reflektieren mit ihnen über die positiven und negativen Erlebnisse des Tages und was wir daraus lernen. Um 21h verschwinden mein Mann und ich im Schlafzimmer, das mittlerweile handyfreie Zone ist, damit wir uns ganz auf uns konzentrieren können. Wir probieren Impuls Nummer 8 aus dem Ratgeber „25 kreative Techniken, wie ihr euer Liebesleben spannend haltet.“ Nach dem Liebesakt schreibe ich meine Reflexionszeilen des Tages, meine To-do-Liste für morgen und lese 30 Minuten in meinem neusten Ratgeber. Um 23:00h lösche ich das Licht, denn mindesten 7 Stunden Schlaf sind wichtig für meinen Körper. Spontane Treffen und Spaß mit Freunden lassen sich in den Tagesplan noch nicht optimal integrieren. Ich hoffe im Buch „Wer sich selbst liebt, braucht keine Freunde“ eine Antwort darauf zu finden.

Raus aus dem Optimierungswahn

Ich habe aufgehört, mich dem Optimierungszwang zu unterwerfen und mir von all den Coachingwerbeangeboten ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Bei uns geht es manchmal drunter und drüber. Wir geben alle unser Bestes, aber es kracht auch mal. Wir haben als Familie unsere Werte, die uns wichtig sind. Wir reflektieren unser Verhalten, achten darauf, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder weitestgehend berücksichtigt werden. Versteht mich nicht falsch. Ich finde ein seriöses Coaching eine gute Sache. Ich habe selber als Managementcoach gearbeitet. Der Selbstoptimierungshype der letzten Jahre geht mir persönlich zu weit. Die eigenen Werte, Stärken und Schwächen zu kennen, finde ich wichtig. Professionelle Unterstützung für ein konkretes Problem ist hilfreich und sinnvoll. Das gesamte Leben zur Problemzone zu erklären und verzweifelt zu versuchen auf allen Ebenen gleichzeitig zu optimieren, bringt nur Stress und nimmt jede Lebensfreude. 

Mach dich nicht verrückt. Du kannst nicht überall perfekt sein. Ich wünsche Dir gute Nerven für die Coronazeit. Genieß es zwischendurch perfekt unperfekt zu sein.